Zahlreiche jüdische Siedlungen im Westjordanland sind illegal erbaut worden. Die Bewohner sehen sich als Pioniere und wehren sich gegen eine Räumung. Das Beispiel des Außenpostens Migron zeigt, wie verfahren die Lage ist. „Mein Vermieter ist Gott“, rechtfertigen sich die israelischen Siedler.

Quelle: wikipedia
Den Weg zu dem Ort, den es nicht geben dürfte, weist ein Straßenschild. Migron hat auch eine asphaltierte Zufahrtstraße, sie ist etwa eineinhalb Kilometer lang und wird von Straßenlaternen flankiert. Zwei Mobilfunkantennen ragen zwischen Dutzenden weißen Wohncontainern in den Himmel. Rund 50 Familien haben sich auf diesem Hügel nördlich von Ramallah niedergelassen – ohne Zustimmung der israelischen Regierung. Migron ist einer der größten von über 100 nach israelischem Recht illegalen Siedlungsaußenposten im Westjordanland. Obwohl es Migron also gar nicht geben dürfte, stehen hinter dem Stacheldrahtzaun mannshohe Bäume in sattem Grün. Offensichtlich wird hier schon seit Jahren fleißig bewässert. Migron wächst.
Ein Siedler und ein israelischer Soldat wachen gemeinsam vor dem Tor. Itai Harel wartet neben seinem Haus, das kein Wohncontainer, sondern ein Haus aus Stein ist. Kinderfahrräder liegen am Straßenrand, zwei Kinderwagen stehen vor der Tür. „Ich hätte hier kein Haus gebaut, wenn ich es irgendwann wieder abreißen müsste“, sagt der Mittdreißiger und streicht sich durch den Dreitagebart.
Itai Harel ist kein Mann, der viele Worte macht, wenn es ein Kopfnicken auch tut. Und das Gesetz? Das Gesetz jenes Staates, dessen Bürger er doch auch ist? Er lächelt gütig, vielleicht auch nur ein wenig herablassend. „Wir bekommen Strom und Wasser vom Staat, die staatliche Telefongesellschaft Bezeq hat uns ans Festnetz angeschlossen, der Staat subventioniert unseren Kindergarten, und vor dem Tor wachen israelische Soldaten. Was bitte soll hier illegal sein?“
Itai schlägt einen Aktenordner auf und zeigt Fotos von damals, als Migron noch eine Art Campingplatz war, ohne Strom und Wasser. Der Ordner enthält Dokumente, die darauf hindeuten, dass das Infrastrukturministerium 2002 die Planung und den Bau des Außenpostens unterstützt oder zumindest gebilligt hat. Auch das Verteidigungsministerium soll damals „grundlegende Arbeiten und Pläne“ zum Ausbau Migrons angeregt haben.
„Fünf Minister haben uns bisher besucht“, erzählt Itai. Die Landbaubehörde Jerusalems hat Millionen Schekel für den Ausbau der Infrastruktur lockergemacht und gleich noch mal 800.000 Schekel (150.000 Euro) für den Bau der Synagoge zur Verfügung gestellt. Itai Harel spricht davon nicht mit Genugtuung, sondern mit der Selbstverständlichkeit eines Menschen, der oft erlebt hat, wie eine Siedlung entsteht und eben nicht wieder verschwindet. Wie das funktioniert, wissen die Siedler genauso gut wie ihre Gegner. Ein siedlungskritischer Bericht stellt fest, dass mindestens sechs verschiedene Ministerien das Unternehmen finanziell unterstützt haben. Itai Harel ist also – wie die meisten ideologischen Siedler – kein halluzinierender Spinner, er ist ein scharf kalkulierender Utopist.
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