Für manche ist er ein Genie, für andere ein nervraubender Pseudoprediger: Auf jeden Fall ist Xavier Naidoo einer der größten Popstars Deutschlands. KSTA sprach mit ihm über Gott, seine Texte und den Weg zu sich selbst.
Herr Naidoo, Sie spielen in der Lanxess-Arena zwei Konzerte hintereinander.
XAVIER NAIDOO: Ich genieße es, an zwei Tagen aus verschiedenen Blickwinkeln zu spielen. Bei den „Söhnen Mannheims“ sind viele energievolle junge und auch ältere Männer auf der Bühne, die die ganze Zeit Höchstleistungen bringen. Und bei mir stehe ich nur mit meinem Gitarristen Alex Auer auf der Bühne. Klar, ich gebe Vollgas, aber bei den Söhnen ist halt mehr los. Es ist einen Abend eine Band, am anderen eine Stimme.
Wie ist es für Sie, als der religiöse Popstar zu gelten?
NAIDOO: Da ich überhaupt nicht religiös bin, fühlt sich der Begriff „Religion“ wirklich furchtbar an. Ich komme aus der katholischen Kirche, aber gerade die finde ich mit am erschreckendsten. Ich glaube an Gott und das ist meine Kraft und daher singe ich da öfter drüber. Die Leute schließen meistens von Gott auf Religion oder erkennen Gott nur über Religion.
Nervt Sie das?
NAIDOO: Wenn ich im Religionsunterricht stattfinde, oder wenn Pfarrer meine Songs dazu benutzen, um Gott reinzuinterpretieren, ist das schon komisch. Immer dieser Religionsbezug – wenn man das irgendwann mal hinbekäme, dass man mich nicht mit Religion, sondern mit Glauben gleichsetzt. Ich achte und respektiere Religionen, aber ich habe einen anderen Weg zu Gott gefunden.
Sie gelten ein wenig als Prediger und Welterklärer.
NAIDOO: Mir ist egal, was ich bei den Leuten auslöse. In den Momenten, in denen ich schreibe, kann ich gar nicht anders. Ich plane meine Texte ja nicht, sondern es passiert einfach. Von daher sitze ich auch oft vor dem fertigen Text und denke: „Was will mir das jetzt sagen?“ Und es ist meine eigene Therapie. Wenn Leute dann ein ähnliches Moment zu ihrem eigenen Leben oder Gefühlen entdecken, die sie auch haben, kommen wir zusammen. Das ist halt Soul- oder Seelenmusik. Es ist einfach mein Unterbewusstsein, dem irgendwas auf der Seele brennt.
Wo liegt denn für Sie die Grenze zum Kitsch?
NAIDOO: Ich denke das liegt im Ohr des Hörers. Natürlich gibt es viele Passagen und Textstellen, die auf Deutsch für viele kitschig klingen. Aber für mich ist das die deutsche Sprache. Und für mich ist jedes Wort der deutschen Sprache wertvoll. Ich schreibe meine Texte immer mit der Musik im Kopf. Und eine Melodie gemeinsam mit dem Text bedeutet immer was ganz anderes. Eine gewisse Melodie hebt manches Kitschiges wieder auf.
Sie sprechen in Ihren Texten oft ein „wir“ an – wer ist damit gemeint?
NAIDOO: Ich sehe die Dinge halt schon lange aus dem Ruder laufen und dass viele das einfach so hinnehmen. Und denke, da ist es anbracht, dieses Wir-Gefühl zu schaffen. Du versuchst es über die Sprache, über die Musik. Aber so ein richtiges Wir-Gefühl wie 2006 kommt nicht zustande. Man hat kein rechtes Ziel vor Augen, sei es als Generation oder als Nation. Aber ich bin schon jemand, der findet, dass die Gemeinschaft viel bedeutet.
Sie besingen oft einen Weg, den man bewältigen muss.
NAIDOO: Ich versuche immer den Weg zum Innern, zu Dir selbst zu beschreiben. Erfahrungen zu machen, die dich vielleicht einfach irgendwie zerstören – aber auf eine Art und Weise, über die Du deine eigene Schale knackst. Ich finde, dass wir heutzutage diese Zeit nicht wirklich haben. Vielleicht können manche Menschen, die gerade in einer Notsituation sind, über die Musik einen Weg zu sich selbst zu finden. Das ist das, was ich immer versuche zu zeigen.
Das klang aber in der Vergangenheit auch sehr oft nach Heilserwartung.
NAIDOO: Man ist davon geprägt, wie man mich sieht und wie über mich berichtet wird. Eigentlich geht es mir immer um den Weg zu einem selbst. Denn wenn Du dich nicht selber kennst, kannst Du auch keinen Gott und nichts anderes groß erkennen. Wir alle sollten uns erstmal um ums selber kümmern.
Das Gespräch führte Kathrin Gemein.
Quelle: ksta.de

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