
Von news.de-Redakteurin Ines Weißbach
Die Theologie irrt sich. Zumindest wenn sie sich nur mit dem Menschen beschäftigt. Rainer Hagencord will das ändern. Der Gründer des Instituts für Theologische Zoologie in Münster hat deshalb einen ganz neuen Forschungszweig geschaffen.
Können sie mit einfachen Worten erklären, worum es in der Theologischen Zoologie geht?
Hagencord: Ich bin Theologe und Biologe und habe gemerkt, dass die Erkenntnisse der Verhaltensbiologie und Evolutionsbiologie in der Theologie kaum reflektiert werden. In Fragen der Schöpfungstheologie kommen Tiere eigentlich gar nicht vor. Das steht in krassem Widerspruch zur Präsenz der Tiere in der Bibel. Denken Sie nur an die Arche Noah oder den Garten Eden. Tiere sind nicht nur Beiwerk, sondern haben einen eigenen Wert auch vor Gott. Wir gewinnen schnell Erkenntnisse über das Wesen der Tiere und der Menschen in der Verhaltens- und Evolutionsbiologie, auf der anderen Seite beschäftigen wir uns in der Theologie nur mit dem Menschen. Die Tiere sind vergessen in der Theologie, in der Rede von Gott und den Menschen sind sie irrelevant. Und das ist ein Irrtum.
Sind Sie der Erste, der bemerkt hat, dass die Tiere in der Theologie keine Rolle spielen?
Hagencord: In der Zuspitzung, die ich versuche, bin ich der erste. Schon der Begriff der Theologischen Zoologie geht auf mich zurück.
Was bedeutet Theologie des Tieres genau?
Hagencord: Was können wir von der Theologie her über das Wesen des Tieres sagen, außer dass es für den Menschen nötig ist, um sich zu ernähren oder sich zu kleiden? Das ist mein Ansatz, das herauszuarbeiten. Die Theologie des Menschen ist ja noch sehr präsent in der Gesellschaft, wenn Bischöfe etwas zur Menschenwürde sagen und zur Unantastbarkeit des Menschen. Da wird immer diese theologische Anthropologie deutlich.
Wissen Sie schon, was das Wesen des Tieres ist?
Hagencord: Ich erahne was. Meine Doktorarbeit hieß Diesseits von Eden. Das beinhaltet schon eine Annäherung an die theologische Würdigung des Tieres, weil vom Titel des Buches meine Kernthese deutlich wird. Diesseits von Eden markiert den Ort des Tieres. Sie kennen sicher Jenseits von Eden, durch den Film vielleicht, das ist die Position des Menschen. Er hat den Garten Eden verloren, er hat den Sündenfall hinter sich, ist von Gott getrennt. Wenn ich von Diesseits spreche, meine ich, dass die Tiere eben nicht vertrieben sind aus dem Paradies. Tiere sind nicht durch Vernunft oder durch den Sündenfall von Gott getrennt.
Genauso wie Kinder, Liebende und Sterbende.
Hagencord: Genau, Rilke sagt das. Rainer Maria Rilke ist ein Dichter, der sich immer wieder mit dem Wesen des Tieres beschäftigt, als Poet zwar keine Theologie des Tieres schreibt, aber eine Würdigung des Tieres in seiner Gottsuche beschreibt. Mit Rilke kann ich sehr viel anfangen. Er spricht in einem großen Text, der Duineser Elegie, darüber, dass die Liebenden und Sterbenden eine Unmittelbarkeit leben, wie die Tiere. Sie grübeln und sorgen sich nicht permanent und beschäftigen sich nicht nur mit sich selbst, sondern auch mit der anderen Wirklichkeit, dem Göttlichen, dem Transzendenten.
Manche Tiere sind intelligenter einzustufen und tun Dinge vielleicht auch absichtsvoller als andere. Sind die vielleicht freier und können sich auch gegen Gott entscheiden?
Hagencord: Kennen Sie Jane Goodall? Sie ist die Schirmherrin des Instituts für Theologische Zoologie und sie hat das Leben der wildlebenden Schimpansen als erste dokumentiert in den 1960er und 1970er Jahren. Bis dahin wusste man nichts über unsere nächsten Verwandten außer das, was man im Zoo und Zirkus so sieht. Sie hat eine Studie vorgelegt, die uns die Tiere zeigt mit all ihren Facetten, von inniger Liebe und Zuneigung bis hin zu brutalstem Überfall. Sie beschreibt auch ihr eigenes Erschrecken, als eine Schimpansenherde über eine Nachbarpopulation herfällt und die Jungen tötet und frisst, der Nachbargruppe sozusagen den Krieg erklärt. Sie sagt dann, da sind uns die Schimpansen so nah, wie wir uns das eigentlich nicht vorstellen konnten. Wir sehen uns im Spiegel dieser Tiere. Sie fragt auch, ob Schimpansen uns Menschen schon so nah sind, dass man von Schuld sprechen kann. Das sind jedoch Mutmaßungen, wir gucken ja nicht rein in so ein Tier. Die nächste Frage wäre, ob die Freiheit, die Menschen zu Menschen macht, vom Himmel gefallen oder ein langsamer Prozess der Evolution ist? Neben der theologischen Zuweisung braucht es dazu eine Veranlagung in der Biologie eines Geschöpfes, in der Hirnstruktur vielleicht. Und das ist wieder eine spannende Frage. Wo entsteht ein Gottesbezug? So etwas wie Staunen und Angst, alles das, was uns zu religiösen Geschöpfen werden lässt, braucht eine Veranlagung in der Biologie.
Sie sagen, Sie können nicht in die Tiere schauen. Aber dann hat doch die Theologische Zoologie von vornherein sehr enggesteckte Grenzen.
Hagencord: Das sind Grenzen, die die Biologie an sich auch schon hat. Die Bewusstseinsfrage unter anderem. «Ich schaue nicht hinein», mit diesem Grundsatz arbeiten auch alle Psychologen und Pädagogen. Ich schau ja auch nicht in Sie hinein. Ich werde nie wissen, wie Ihre Farbe Rot aussieht, wenn Sie sagen, diese Gardine ist rot. Das gilt für alle wissenschaftlichen Disziplinen, die sich mit Mensch und Tier und dem Wesen dieser Geschöpfe beschäftigt.
Was sind konkrete Ziele der Theologischen Zoologie?
Hagencord: Was sind Grundlagen einer theologischen Würdigung des Tieres? Da bin ich mit vielen Biologen, Bibelwissenschaftlern und Theologen im Gespräch. Der zweite Punkt sind Fragen der Massentierhaltung, des übermäßigen Fleischkonsums und die Möglichkeiten, die wir Konsumenten haben, um etwas politisch zu verändern. Das ist für mich ein großes Ziel, Kinder und Jugendliche und Gemeinden für ein verändertes Konsumverhalten zu sensibilisieren. Und drittens möchte ich Menschen, an Stellen, an denen sie die Nähe zum Tier suchen, also in Zoos oder Nationalparks, auch mit der Theologie konfrontieren.
Sie selbst haben Theologie und Biologie studiert. Wie passt das eigentlich zusammen?
Hagencord: Ich finde, dass das wunderbar zusammenpasst. Wenn ich wissen will, was denn die Wahrheit eines Geschöpfes ist, brauche ich heutzutage beides. Eine Kenntnis der theologischen Grundfragen, vielleicht auch der Grundlagen der Bibel und verschiedener theologischer Antwortversuche und den aktuellen Kenntnisstand der Biologie. Deshalb ist die Kombination optimal, um wach und einigermaßen erkenntnisreich in dieser Welt zu sein, um den Sinn des Ganzen zu verstehen.
Vielleicht hat man wegen der Kreationismus-Evolutions-Debatte den Eindruck, dass Biologie und Theologie nicht zusammenpassen.
Hagencord: Das kann natürlich sein. Da kommt soetwas als Theologie daher, was fundamentalistisch und überhaupt nicht ernstzunehmen ist. Auch die Theologie ist eine Wissenschaft, die ihre Methoden und Textgrundlagen hat, sowie eine historisch-kritische Methode. So grenze ich mich von diesem Fundamentalismus ab.
Wie diskutieren Sie mit jemandem, der an Kreationismus glaubt?
Hagencord: Das passiert sehr selten. Gott sei Dank sind die Kreationisten in Deutschland nicht so stark wie in den USA. Die sagen, die Erde ist für den Menschen da. Der Mensch ist die Krone der Schöpfung. Ich kann einem Fundamentalisten nur sagen, dass ich nicht an einen intelligenten Designer glaube, allein schon angesichts der schrecklichen Leiderfahrungen und auch weil der Planet, wenn er tatsächlich nur für den Menschen gemacht sein sollte, ein ganz schlechtes Produkt ist. Drei Viertel des Planeten ist für den Menschen überhaupt nicht bewohnbar. Wir können weder in den Meeren, noch Wüsten noch auf den Bergen leben. Was ist das für ein Designer? Der ist nun wirklich nicht intelligent. Dann hätte er sich einen Planeten ausdenken können, der überall so ist wie in Miami. Hat er aber nicht.
Wer oder was ist Gott für Sie?
Hagencord: Es gibt von der Bibel her einen Gott, der Liebhaber des Lebens ist, ein Gott, der alles in allem ist. Ein großer Theologe sagte, Gott ist ausgefaltet in allem, Gott ist das Geheimnis in allem. Das ist für mich ein Zugang, mit dem ich was anfangen kann.
Sind Tiere fromm?
Hagencord: Nein, Tiere brauchen das nicht. Ein Tier ist nicht von Gott getrennt. Es lebt unmittelbar in der Wirklichkeit Gottes, es denkt nicht über Gott nach. Es betet nicht. Ein Tier ist einem Zustand, den wir uns erhoffen, wenn wir meditieren. Menschen bemühen sich, das Denken ruhen zu lassen, nicht mehr zu grübeln und in ein grundsätzliches Vertrauen zu kommen. Das ist der Sinn einer Frömmigkeit.
Dr. Rainer Hagencord leitet das von ihm gegründete Institut für Theologische Zoologie in Münster. Im laufenden Semester hat er Lehraufträge an drei Münsteraner Hochschulen zum Thema. Offiziell wird das Instituts jedoch erst am 15. Dezember 2009 eröffnet. Hagencords Fernziel ist es, einen Studiengang Theologische Zoologie zu etablieren.

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11. November 2009 um 13:22
Was kommt als nächstes – vielleicht Theologische Mathematik?
11. November 2009 um 17:00
„1=3, der Rest folgt daraus.“
11. November 2009 um 18:38
Da hat Gott beim Tier Mensch, wohl etwas falsch gemacht.
Eine Pseudowissenschaft!
Ich kann einem Fundamentalisten nur sagen, dass ich nicht an einen intelligenten Designer glaube…
Auf Deutsch: Gott ist ein Idiot. Weiß der Pfaffe nicht was er da redet?
Nennt man sowas nicht Pantheismus?
Toll, dass Tier brauch nicht fromm sein, nicht an Gott glauben, nicht beten, nicht in die Kirche gehen, schnackseln so viel es will… und kommt ohne Probleme
in den Himmel!
Bei so viel Schwachsinn kann man nur noch den Kopf schütteln.
12. November 2009 um 12:09
In der Bibel sind die Tiere hauptsächlich dazu da, verspeist oder geopfert zu werden. Eine Ausnahme ist das Buch Kohelet (Prediger Salomo), in dem das Gemeinsame von Mensch und Tier betont wird, nämlich die Sterblichkeit.
Kohelet lässt auch die Frage offen, ob ein Tier eine Seele hat oder nicht.
12. November 2009 um 12:22
„Bei so viel Schwachsinn kann man nur noch den Kopf schütteln.“
Dieser klaren Aussage kann man nicht widersprechen!
Es ist immer wieder erstaunlich, in welche Traumwelten und pseudowissenschaftliche Randgebiete Theologen flüchten, wenn sie die Absurdität ihrers „Glaubens“ erkennen! Leider gibt es aber Menschen, die diesen Unfug ernst nehmen!
12. November 2009 um 13:36
Theologische Zoologie; Theologe und Biologe ?
Wie kann der Mann nur seine Energie so verschleudern? Bei dem, was der hier abliefert muss er sich gegen Ende seines Daseins ernsthaft die Frage stellen: „Was war der Sinn meines Lebens?“ Blödsinn?